Radfahren in Ostdeutschland

Überblick:
Teil 1: Von Usedom nach Guben
Teil 2: Von Guben nach Leipzig

Auf meinem Radweg rund um Deutschland bin ich auch den Oder-Neiße Radweg von Nord nach Süd gefahren, ehe ich dann nach Westen Richtung Leipzig abgebogen bin. Radfahren in Ostdeutschland ist der Abschnitt, der von Usedom nach Leipzig führt und den ich hier im Blog beschrieben will. Den vorhergehende Abschnitt, meine Radtour entland der Nord- und Ostsee kannst du hier nachlesen.

Die Strecke ist in zwei Abschnitten unterteilt, in die Oder-Neiße Strecke und in die Strecke Guben nach Leipzig. Die Unterteilung macht deshalb Sinn, da der erste Teil entlang des Oder-Neiße Radweges führt.

Teil 1: Von Usedom nach Guben

Es sind einsame Landschaften durch Vorpommern-Greifswald, durch die Uckermark, das Märkische Oderland, dann durch das Oder-Spreeland hindurch. Zunächst fahre ich mit der Fähre nach Ückemünde, durch das Stettinhaff, ein fischreiches Gewässer, was mich aber durch die braun-graue Farbe nicht zum Baden einlädt. Ückermünde liegt etwas landeinwärts und so fährt die kleine Fähre erst einmal eine zeitlang auf der Ücker zum Anlegeplatz. Mich erwartet eine schöne Kleinstadt.

Von Kamminke (Usedom) nach Ückemünde – hier die Einfahrt in den Kanal der Ücker

Abstecher nach Polen

Ich will nach Szczecin/Stettin in Polen. Es ist eine schöne, aber sehr einsame Strecke, am Neuwarper See entlang, durch Wiesen und Wälder. Mir begegnet kilometerweit kein Haus, kein Fahrrad, kein Auto. Manchmal bleibe ich stecken, da die Feldwege, die mir meine App anzeigt, vollständig versandet sind und ich mühevoll schieben muss. In Dobieszciyn komme ich über die Grenze. Da der Grenzverkehr moderat ist, stört es mich nicht, auf der Hauptstraße fahren zu müssen. Allein in Stettin stört mich schon, dass die Straßen fast alle zu Baustellen verwandelt worden sind, ohne dass ich einen Bauarbeiter sehe. Stettin hat einen sehr sandigen Untergrund, und so schiebe ich das Fahrrad wieder durch den Sand der aufgerissenen Straßen. Ich beeile mich, in die Stadtmitte zu kommen, durch den Park Jana Kasprowicza, den wohl schönsten Platz in Stettin, dann wieder 10 km raus aus der Stadt auf den Campingplatz. Es gibt neben den autobahnmäßigen Ausfallstraßen auch Fahrradwege, die aber nicht gepflegt sind. Hier ist Fahrradfahren noch nicht angekommen!

Auf einem Hochstand mit Blick auf den Neuwarper See Nähe Ahlbeck
Von Ueckermünde einen kurzen Abstecher nach Szczecin (Stettin) in Polen machen. Achtung: hier gibt es nur wenige Fahrradwege!

Allein, ich will ja an die Oder, die hier bis nach Gartz weiter im Süden in zwei Flüsse aufgeteilt ist, in die Westoder und die Ostoder. Ich fahre also die Westoder bis nach Gryfino auf der polnischen Seite, bevor ich mich entschließe, die Grenze zu wechseln, da ein Radfahren auf dieser Seite zu gefährlich ist. Es gibt, wie geschrieben, keinen eigenen Radweg, und Nebenstraßen haben meist ein Kopfsteinpflaster, so dass es sehr mühsam und langsam ist, hier vorwärts zu kommen.

Der Oder-Neiße Radweg

Auf der Westseite der Westoder befindet sich ein wunderschöner Radweg, der in Schwedt in den Oder-Neiße Radweg mündet. Dieser begleitet mich dann bis Guben über 200 km weit. Kilometer für Kilometer immer der Grenze entlang, hier die deutschen Grenzsteine, 200 Meter nach links die polnischen Grenzsteine, dazwischen das Odertal, als Nationalpark Unteres Odertal geschützt. Hier ist kein Auto, kein Dorf, nur hin und wieder eine kleine Wirtschaft zu sehen. Biber haben den Bestand an Birken soweit dezimiert, dass fast keine mehr zu sehen sind, dafür aber die abgenagten Baumstämme. Allein hier zu sein, macht einsam und ich bin froh, nach Schwedt zu kommen, um wieder Menschen zu sehen.

Einsame, aber gut ausgebaute Radwege entlang der Oder
Immer dem Oder-Neiße Radweg nach – hier durch Gartz an der Oder

Doch Schwedt scheint ausgestorben. Es ist nachmittags und ich fahre durch die Innenstadt, ohne eine Geschäft und Mensch zu entdecken. Ist das das Paradies in der Uckermark, von dem alle so schwärmen?

Die Biber haben hier ihr Revier
Über die Welse im Nationalpark Unteres Odertal (verläuft parallel zur Elbe)
Die Kirche Mariä Himmelfahrt im Zentrum von Schwedt (Oder) im Zentrum

Auf dem weiteren Weg komme ich nach Frankfurt/Oder. Diese Stadt hat eindeutig zwei Gesichter. Alte, wiederaufbereitete Stadtviertel neben Plattenbauten, auf denen großflächig für die Bundeswehr geworben wird. Für mich als Pazifist ein sehr ambivalentes Bild.

Plattenbauten und Bundeswehrwerbung in Frankfurt/Oder
Der zentrale Brunnenplatz in Frankfurt/Oder. Trotz vieler Bemühungen für Attraktivität bleibt auch hier die Dominanz eines großen Parkplatzes. Muss das sein?

Urlaub am Helenesee

Wieder mehr Natur, – so fahre ich zum Helenesee, einem der schönsten Badeseen in Brandenburg. Es sind hier gerade mal 100 km nach Berlin und das ist an schönen Sonntagen zu spüren. Die wenigen Bademöglichkeiten sind überfüllt mit Touristen.

Am Helenesee in Brandenburg

Die Stadt Eisenhüttenstadt entstand erst in den 1960-Jahren als Wohnstadt für das Eisenhüttenkombinat Ost. Dass die Stadt auch heute noch für die Verhüttung von Eisen steht, kann man überall sehen, große Denkmäler und all dominierende Hochofenanlagen zeugen davon. Der Ortskern besteht aus einem großem Platz mit flachen Gebäuden rings herum. Auch sonst sind die Wohnhausreihen in lockeren Abständen aufgestellt. Seit der Wiedervereinigung hat sich die Bevölkerungszahl fast halbiert, so sehr schlägt die Strukturschwäche dieser Region hier durch.

Die Innenstadt von Eisenhüttenstadt

Guben ist eine geteilte Stadt, der Ortskern liegt im polnischen Teil. Dort heißt die Stadt Gubin und ist Opfer der Grenzziehung nach dem zweiten Weltkrieg, als die Oder als Grenze festgelegt wurde. 90% der Stadt wurde im 2. Weltkrieg zerstört. Wilhelm Pieck, der erste Staatspräsident der DDR ist dort geboren worden, weshalb die Stadt auf deutscher Seite auch Wilhelm-Pieck-Stadt Guben heißt. Als Sehenswürdigkeiten sind die schönen Parkanlagen anzusehen.

Teil 2: Von Guben nach Leipzig

Die nächste Station nach Guben ist Cottbus oder Chóśebuz auf Sorbisch. Doch zuvor komme ich durch Peitz, welches dominiert wird durch ein gigantisches Kohlekraftwerk (Jänschwalde). Nach Angaben der Europäischen Umweltagentur verursacht das Kraftwerk die dritthöchsten Schadenskosten aller europäischen Industrieanlagen. Das war 2011. Interessant, zwischen dem Hüttenweg und der Maustmühle kann man entlang den Peitzer Teichen radeln, in denen sich eine der größten Fischzuchten Deutschlands befindet.

Gigantisches Kohlekraftwerk in Peitz

Ich befinde mich in der Niederlausitz und ich treffe auf den Weg nach Cottbus zum ersten Mal auf die Spree, die sich auf den Weg nach Berlin befindet. Mich hat diese Stadt imponiert, nichts von der etwas zerfallenen Morbidität der verlassenen Städte woanders in Brandenburg, sondern eine alte, lebendige Stadt, voller Sehenswürdigkeiten. Auch die Wege durch die Parkanlagen, wie z.B. der Käthe-Kollwitz Park, sind liebevoll angelegt und laden zum Radfahren ein.

Cottbus, eine schöne Stadt mit vielen alten Gebäuden, hier der berühmte Spremberger Turm
und das Raumflugplanetarium „Juri Gagarin“

Auf der Weiterfahrt komme ich durch die Wälder rund um Spremberg. Es ist sehr einsam hier, viel Wald, allein zu sein, erzeugt hier merkwürdige zum Teil gruselige Gefühle, nicht zuletzt durch die erhebliche Brandgefahr, die von diesen Wäldern ausgeht. Schließlich erreiche ich die Talsperre Spremberg, an dem ein Campingplatz offen hat, immer noch im Wald allerdings ohne Verpflegungsmöglichkeit. Ich unterhalte mich einem ehemaligen Baumfäller, der mir aus der Geschichte dieses Waldes berichtet. Hier befanden sich früher russisches Militär und Kohlereviere. Nach der Wende wurde alles stehen und fallen gelassen, und ein monotoner Wald hochgezogen, Kiefern, wohin das Auge blickt. Sie sind heute alle ca 30 Jahre alt und habe es zu einer stattlichen Höhe gebracht.

Waldbrandgefahr

Das Problem: Wegen der vielen Stauseen und Seen und durch den Rückzug des Kohleabbaus sinkt der Grundwasserspiegel, was die Brandgefahr, auch durch die Monokultur bedingt, erheblich vergrößert. Ein weiteres Problem: Als die Militärs sich zurückzogen, hinterließen sie die die Flächen ungeräumt, überall liegen noch Munitionsreste herum,- eine Tatsache, die eine eventuelle Brandlöschung erheblich behindert. Ich habe nur da und dort große Brandschneisen gesehen.

Einsamer Campingplatz an der Spremberger Talsperre
Einsame Wege durch die Lausitz rund um die Talsperre Spremberg. Im Sommer herrscht hier große Brandgefahr.

Mondlandschaft durch den Braunkohleabbau

Auf den Weg nach Dresden komme ich an Welzow vorbei, ein riesiges Braunkohleabbaugebiet. Ich fahre durch das Gelände, es ist wie in einer Mondlandschaft. Die komplette Gegend besteht aus dreierlei: a) Mondlandschaft mit tiefen, tiefen Gruben, gefährlich für jeden, der sich an die Ränder begibt, b) Seen mit Steinufern, für Badetouristen bis auf ausgezeichnete Stellen verboten. Die Steine sind rostbraun, ein Zeichen für viel Eisen im Wasser. Sie dienen der Absicherung der steilen Ufer. c) Wald, fast ausschließlich Monokultur, Kiefern, etwa 10 Jahre alt. Bei uns im Bayern sagt man „Stangerlacker“ dazu. Alte Dörfer wurden aus dem Gebiet entfernt, wie manche Schautafeln diesem Gebiet bezeugt. Es ist gruselig.

Kilometerweite Mondlandschaften: Braunkohleabbau in der Lausitz

An der Elbe rund um Dresden

Endlich erreiche ich die Elbe. Dresden ist nicht weit. Am Elbufer befindet sich der Elberadweg, der von Prag kommt und bis nach Cuxhaven führt. Er ist sehr gut ausgebaut und wird mich von hier bis nach Riesa führen, etwa 75 km von Dresden nach Nordwesten. Es macht Spaß, durch Dresden mit dem Fahrrad zu fahren. Wie andere große Städte auch, ist auch diese Stadt in überschaubarer Zeit zu durchfahren. Klar, die Semperoper, die Frauenkirche, Zwinger, alles Denkmäler, die man gesehen haben sollte. Imponierend aber auch die Villen und Schlösser links und rechts der Elbe entlang.

Ich mache einen Ausflug nach Pirna, etwa 20 km südöstlich von Dresden. In der Marienkirche in der schön hergerichteten Innenstadt mit dem Marktplatz nehme ich Platz und höre Studenten zu, die an der Orgel der Kirche ihre Übungen absolvieren. Ein schönes Sonderkonzert für mich. Da gerade Wahlsonntag 2019 Landtagswahl – ist, bekomme ich mit, dass etwa 34 Prozent die Rechtsaußenpartei gewählt haben, obwohl Pirna noch im Jahre 2008 den Preis für den „Ort der Vielfalt“ verliehen bekommen hat, weil rechtsextremistische Gewalttaten um die Hälfte abgesunken sind.

An der Elbe zwischen Pirna und Dresden

Auf den Weg nach Leipzig

Auf den Weg nach Leipzig besuche ich Meißen, die wohl schönste Kleinstadt in Sachsen. Nicht nur das Meißener Porzellan ist hier entstanden, auf die berühmten Sachsen Weine sind hier zuerst kultiviert worden, um nur zwei der wichtigsten Errungenschaften zu nennen. Herausragend hoch auf dem Berg steht der Dom zu Meißen, den zu besuchen, auf jeden Fall lohnt.

Blick aus dem Dom in Meißen
Die Elbe zwischen Meißen und Riesa

In Riesa biege ich nach Osten und durchfahre Oschatz und Grimma. Beide Städte sind kleine Städte mit schön hergerichteten Stadtmitten. Sie liegen im Herzen Sachsens. Grimma liegt an der Mulde, ein kleiner Fluss, an dessen Ufer sich schöne Rad und Wanderwege befinden.

Brunnen von 1589 uf dem Neumarkt in Oschatz

Ein Wort zur Infrastruktur der ländlichen Gegenden. Die Dörfer sind verlassen, Geschäfte kaum mehr anzutreffen. Die Menschen brauchen ein Auto, um allein den nächsten Bäcker aufzusuchen. Da auch der ÖPNV zurückgefahren wurde, ist es selbsterklärend, warum eine derart große Landflucht existiert. Es gibt da durchaus ein Nord-Süd und Ost-West Gefälle, das heißt, je nördlicher und je östlicher man sich befindet, desto ausgeprägter diese Erfahrung. Man sollte sich am Anfang des Tages mit Wasser eindecken, es könnte sein , dass man unterwegs keinen Laden mehr antrifft. Das finde ich sehr traurig, weil ich in Gesprächen erfahre, dass die Infrastruktur früher bessert ausgeprägt war.

Die Hängebrücke als Tor für Fahrradfahrer nach Grimma

Das Rathaus von Grimma

Endlich in Leipzig

Leipzig ist die quirlige Stadt Sachsens, dort wohnt mein großer Sohn mit seiner Familie. Man spürt, dass hier eine lebendige Kneipen- und Subkultur existiert. Auch wenn die Innenstadt nun soweit hergerichtet wurde, dass zumindest die Fußgängerzonen sich von denen anderer Großstädte kaum mehr unterscheiden, existieren noch die Stadtviertel, in denen die alten Wohngebäude dominieren, wie in der Südvorstadt, in Plagwitz oder in Gohlis. Hier gibt es sie noch, die kleinen Läden, Cafés und Kneipen. Unvergessen auch eine Fahrt an der weißen Elster und durch den Clara-Zetkin Park.

Doch schon an der Stadtgrenze merkt man, dass die Modernisierungen der Neuzeit nicht darüber hinausgehen. Der Stadtrand unterscheidet sich nicht von den Dorfstrukturen in Sachsen. Auch ist Leipzig umgeben von Windrädern und einem Kohlekraftwerk, was den Freizeitwert auf die Stadt und den Osten der Stadt (eben Richtung Grimma) beschränkt. Allerdings sind hier und dort ein paar Seen entstanden, an denen sich eine ausgiebige Freizeitkultur entwickelt hat, wie am Cospudener See.

Die Taborkirche in Leipzig Kleinzschocher


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